Einer der englischen Genossen, ein angesehener Führer der englischen Kommunisten, wandte sich an den Genossen Lenin mit einem Brief, der eine sehr klare Vorstellung von der Lage des Sozialismus in England gibt. In diesem Brief wird die Frage vom Verhalten der Kommunisten zum Parlament direkt gestellt.
Genosse Lenin antwortete auf diesen Brief mit einer ausführlichen Darlegung des kommunistischen Standpunkts in dieser Frage. Diese beiden Dokumente hat Genosse Lenin der Redaktion der »Kommunistischen Internationale« zur Verfügung gestellt.
Die Redaktion
Teurer Genosse Lenin!
Ich wäre glücklich, wenn ich die Gelegenheit fände, sie zu sprechen. Ich sehe, dass unsere englische Arbeiterbewegung am übermässigen Hang zum Parlamentarismus und zu den lokalen (Gemeinde-)Wahlen zu Grunde geht. Alle sind von dem Streben erfasst, zu wählen und gewählt zu werden – wo ist da an sozialistische Arbeit zu denken; die sozialistische Propaganda wird zu Gunsten der Eroberung von Stimmen vernachlässigt. Und die Gewählten – was ist das für ein wohlanständiges, selbstgefälliges Volk! Mit welchem Wohlwollen blicken Sie auf alle Verbrechen des kapitalistischen Systems!
Ich bin überzeugt, dass es unmöglich ist, eine revolutionäre Stimmung unter Leuten hervorzurufen, deren Gedanken einzig und allein auf den Wahlsieg gerichtet sind – wenigstens ist das bei uns in England unmöglich; mit dem Herannahen der Wahlen verschwindet das Klassenbewusstsein. Man kann wohl mit Bestimmtheit die Behauptung aufstellen, dass eine Partei, die den Wahlsieg davongetragen, für den Sozialismus zu existieren aufgehört hat. Wie es Ihnen bekannt ist, bestehen in England folgende Strömungen der Arbeiterbewegungen:
1. Der alte Führer der Trade-Unions, der jeder »idealistischen Schwärmerei« und jedes Sozialismus bar ist.
2. Der »Unabhängige« (Mitglied der Unabhängigen Arbeiterpartei, I.L.P.), der oft bürgerlich, oft ultrareligiös gestimmt ist.
3. Der »Britische Sozialist« (Mitglied der B.S.P.), der sich [für] radikaler als die Unabhängigen hält, von kommunistischem Gesichtspunkt aus aber nicht viel besser als diese ist. Die beiden letzten Typen sind übermässig mit der Wahlkomödie beschäftigt, und sind sie einmal Deputierte, so entfernen sie sich fast immer von der Arbeiterklasse.
4. Der »revolutionäre Syndikalist«, der alle seine Hoffnungen auf die »direkte Aktion« setzt. Das ist das vielversprechende Element, unter dem es viele hervorragende Führer gibt, die dem Feinde gegenüber oft jene Unbarmherzigkeit offenbaren, die sich im Moment der Revolution als so wertvoll erweisen kann. Jedoch weisen sie oft geistige Hilflosigkeit in allem auf, was über die Grenzen ihres Berufs hinausgeht, und sind ausserdem nicht immer gute Organisatoren.
Die russische Revolution hat äusserst verschieden auf die Vertreter der genannten Strömungen eingewirkt. Die Beamten der alten Trade-Unions sind in Unruhe geraten, während ihre Mitglieder den revolutionären Verbänden beigetreten sind. Ungefähr dasselbe lässt sich in Bezug auf die unabhängige Arbeiterpartei und die britische sozialistische Partei sagen. Was die revolutionären Syndikalisten anbetrifft, so erstreben sie eine gesellschaftliche Organisation, die sich auf »Sowjet-Prinzipien« gründet, von diesen Prinzipien jedoch haben sie eine äusserst dunkle Vorstellung. Sie verfolgen mit grosser Aufmerksamkeit die Nachrichten aus Russland. Ihrem Bestande nach sind es grösstenteils Bergarbeiter und Maschinenbauarbeiter, obgleich in letzter Zeit unter ihnen auch Vertreter anderer Berufe zu finden sind.
Die revolutionären Syndikalisten verabscheuen die parlamentarische Tätigkeit und werden sich nie mit einer Partei verbinden, die sich auf der Jagd nach Sitzen im Parlament befindet. Dieser Gruppe schliessen sich die Arbeitskomitees (Workers Comittees) und Fabrikälteste (Shop Stewarts) an.
Weiter folgen:
5. Die »Sozialistische Arbeiterpartei« (S.L.P.), die zum Antiparlamentarismus neigte, während der letzten Wahlen jedoch dem allgemeinen Wahlfieber verfiel, wodurch sie die revolutionären Syndikalisten abgestossen hat, unter denen sie viele Anhänger zählte.
Sechstens die »sozialistische Arbeiterföderation« – eine engere und noch junge Organisation, die anfangs hauptsächlich aus Frauen bestand, gegenwärtig jedoch nicht weniger Männer in ihren Reihen hat. Das ist vor allem die Partei der Armut, die hauptsächlich nichtqualifizierte Arbeiter vereinigt und ihren Generalstab in Ost-London (East End) [*)Eines der ärmsten Viertel von London – Die Redaktion] hat, obgleich in ihr auch Kontoristen und sogar qualifizierte Arbeiter zu finden sind. Auf ihrer zu Pfingsten stattgefundenen Konferenz beschloss diese Partei eine »kommunistische« zu werden, verlegte aber auf Anraten einiger Genossen, die offizielle Umbenennung der Partei bis zum Abschluss der Arbeiten, die die Schaffung einer einheitlichen, kommunistischen Partei aus den unter 3, 5 und 6 angeführten Organisationen und des (7) »Süd-Wales Sozialisten-Vereins«, in engem Kontakt mit den revolutionären Syndikalisten bezweckt. Viele sind überzeugt, dass letztere sich wohl kaum in der kommunistischen Partei werden einleben können, meiner Ansicht [nach] ist kein Grund zu solch einem Misstrauen vorhanden.
Wozu ich Ihnen dies alles schreibe? Um Ihnen zu zeigen, wie sich die Frage des Parlamentarismus bei uns zuspitzt. Die Organisationen 3 und 5 setzten die Jagd nach dem Kandidaturen fort und stossen dadurch die Mitglieder der Organisationen 4, 6 und 7 ab.
Ich möchte sehr gern wissen, ob sie sich davon Rechenschaft ablegen, wie schwach bei uns das Klassenbewusstsein und wie stark das politische Intrigantentum entwickelt ist.
Wir möchten von Ihnen ein Wort über den Parlamentarismus hören. Dies ist hier so nötig. Sie sollten dieses so gewichtige Wort sprechen, damit es unsere Abkehr vom Reformismus beschleunigt. Ihre Äusserungen veranlassen uns tatsächlich alle, die die Revolution wünschen, zum tieferen Nachdenken. Ich bin überzeugt, dass Sie, wären Sie unter uns, sagen würden: alle Kräfte für die revolutionäre Aktion! Lasst die politischen Maschinen stehen! Denn es gibt kein anderes Land, wo es den Arbeitern so schwer viele, sich von der politischen Maschine zu befreien, die sie an Händen und Füssen fesselt.
Ihr Ihnen aufrichtig ergebener
(Unterschrift).
London, 16 Juli 1919
P.S. – Ich möchte hervorheben, dass unter den revolutionären Syndikalisten die Zahl derjenigen wächst, die nach der Revolution verlangen und nur auf das Signal warten, um zu beginnen. Doch wir können uns so schwer aufraffen. Wieviel hat die Welt Russland zu verdanken! Sie werden sagen, dass Ihre Revolution durch den Gang der Ereignisse geschaffen worden ist. Ja, aber Ihr heller Gedanke hat viele Köpfe erleuchtet. Nur Dank einer langen revolutionären Propaganda in Russland war das Volk fähig, die geschaffenen Lage auszunutzen.
Wenn es nur gelingen könnte, alle diejenigen, die an die Revolution glauben, zu vereinigen, sie dem Wahlgetriebe zu entreissen und auf die revolutionäre Arbeit hinzulenken! Ausser der Propaganda brauchen wir Organisation. Wir sind jetzt wie Kinder, die sich im Walde oder in einem unbekannten Lande verirrt haben. Wir müssen alle Winkel durchsuchen, um im nötigen Augenblick fähig zu sein, von unsrer Macht Gebrauch zu machen. Wir werden alles tun, was in unseren Kräften steht, doch ein Brief oder ein Artikel von Ihnen würde uns in dieser Richtung sehr viel helfen. Unsere Agitatoren sagen immer: »Nicht wir suchen Konflikte, sondern die Regierung schafft sie« – als ob es eine Schande wäre, den Kapitalisten Unannehmlichkeiten zu bereiten. Jetzt tut uns eine wirkliche Propaganda und Agitation not.
Antwort des Genossen Lenin:
Werte Genossin!
Ihren Brief vom 16. Juli 1919 habe ich erst gestern erhalten. Ich bin Ihnen ausserordentlich dankbar für die Informationen über England und werde mich bemühen, Ihrer Bitte nachzukommen, d. h., Ihre Frage zu beantworten.
Ich hege nicht den geringsten Zweifel, dass viele Arbeiter, die zu den besten, ehrlichsten, aufrichtig revolutionären Vertretern des Proletariats gehören, Feinde des Parlamentarismus und jeder Teilnahme am Parlament sind. Je älter die kapitalistische Kultur und die bürgerliche Demokratie in dem betreffenden Land sind, desto verständlicher ist das, denn die Bourgeoisie in den alten parlamentarischen Ländern hat ausgezeichnet gelernt, zu heucheln und das Volk mit Tausenden von Methoden zu betrügen, wobei sie den bürgerlichen Parlamentarismus als »Demokratie schlechthin« oder als »reine Demokratie« und dergleichen mehr ausgibt, die Millionen von Verbindungen des Parlaments mit der Börse und mit den Kapitalisten geschickt verbirgt, die bestechliche, käufliche Presse ausnutzt und mit allen Mitteln die Macht des Geldes, die Macht des Kapitals zum Einsatz bringt.
Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Kommunistische Internationale und die kommunistischen Parteien der einzelnen Länder einen nicht wiedergutzumachenden Fehler begehen würden, wenn sie die Arbeiter, die für die Sowjetmacht eintreten, aber nicht bereit sind, am parlamentarischen Kampf teilzunehmen, von sich stossen wollten. Nimmt man die Frage allgemein, theoretisch, so kann und muss gerade dieses Programm, d. h. der Kampf für die Sowjetmacht, für die Sowjetrepublik, heute unbedingt alle aufrichtigen, ehrlichen Revolutionäre aus den Kreisen der Arbeiter vereinen. Sehr viele anarchistische Arbeiter werden heute zu aufrichtigsten Anhängern der Sowjetmacht, und eben das beweist, dass sie unsere besten Genossen und Freunde, gute Revolutionäre sind, die nur auf Grund von Missverständnissen Feinde des Marxismus waren, oder, richtiger, nicht auf Grund von Missverständnissen, sondern weil der herrschende offizielle Sozialismus der Epoche der II. Internationale (1889 bis 1914) den Marxismus verraten hat, dem Opportunismus verfallen war, die revolutionäre Lehre von Marx im allgemeinen und seine Lehre über die Schlussfolgerungen aus der Pariser Kommune 1871 im besonderen entstellt hat. Ich habe darüber ausführlich in meinem Buch »Staat und Revolution« geschrieben und will darum auf diese Frage nicht weiter eingehen.
Was soll geschehen, wenn in einem gegebenen Land diejenigen, die ihrer Überzeugung und ihrer Bereitschaft nach, revolutionäre Arbeit zu leisten, Kommunisten sind, aufrichtige Anhänger der Sowjetmacht (des »Sowjetsystems«, wie manchmal Nichtrussen sagen), sich wegen Meinungsverschiedenheiten in der Frage der Teilnahme am Parlament nicht vereinigen können?
Ich würde eine solche Meinungsverschiedenheit gegenwärtig für unwesentlich halten, denn der Kampf für die Sowjetmacht ist der politische Kampf des Proletariats in seiner höchsten, bewusstesten, revolutionärsten Form. Lieber mit den revolutionären Arbeitern gehen, wenn sie in einer Teilfrage oder einer zweitrangigen Frage einen Fehler machen, als mit den »offiziellen« Sozialisten oder Sozialdemokraten, wenn sie keine aufrichtigen, standhaften Revolutionäre sind, unter den Arbeitermassen keine revolutionäre Arbeit leisten wollen oder sie nicht zu leisten verstehen, in dieser Teilfrage aber zusammen mit uns eine richtige Taktik verfolgen. Und die Frage des Parlamentarismus ist jetzt eine Teilfrage, eine zweitrangige Frage. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht waren meiner Ansicht nach im Recht, als sie sich auf der Januarkonferenz der Spartakusleute 1919 in Berlin gegen die Mehrheit dieser Konferenz für die Teilnahme an den Wahlen zum bürgerlichen deutschen Parlament, zur konstituierenden »Nationalversammlung« einsetzten. Aber sie waren natürlich noch mehr im Recht, als sie es vorzogen, in der Kommunistischen Partei zu verbleiben, die in einer Teilfrage einen Fehler macht, als mit den direkten Verrätern am Sozialismus, wie Scheidemann und seine Partei, zusammenzugehen oder mit jenen Lakaienseelen, Doktrinären, Feiglingen, willenlosen Helfershelfern der Bourgeoisie und Reformisten in der Tat, wie Kautsky, Haase, Däumig und diese ganze »Partei« der deutschen »Unabhängigen«.
Ich persönlich bin überzeugt, dass ein Verzicht auf die Teilnahme an den Parlamentswahlen ein Fehler der revolutionären Arbeiter Englands ist, aber lieber diesen Fehler begehen, als die Bildung einer grossen kommunistischen Arbeiterpartei in England aus allen von Ihnen aufgezählten, mit dem Bolschewismus sympathisierenden und aufrichtig für die Sowjetrepublik eintretenden Richtungen und Elementen verzögern. Sollten sich beispielsweise in der BSP aufrichtige Bolschewiki finden, die es wegen der Differenzen in der Frage der Beteiligung am Parlament ablehnten, sich sofort mit den Strömungen Nr. 4, Nr. 6 und Nr. 7 zu einer kommunistischen Partei zu verschmelzen, dann würden diese Bolschewiki meines Erachtens einen tausendmal grösseren Fehler begehen, als es der Verzicht auf die Wahlen zum bürgerlichen englischen Parlament wäre. Wenn ich das sage, setze ich selbstverständlich voraus, dass die Strömungen 4, 6 und 7 zusammengenommen wirklich mit der Masse der Arbeiter verbunden sind und nicht nur kleine Intellektuellengrüppchen darstellen, wie das in England oft zu sein pflegt. In dieser Hinsicht sind wahrscheinlich die Worker Committees und Shop Stewards [* Arbeiterkomitees und Betriebsobleute. Die Red.] besonders wichtig, die, wie man annehmen muss, eng mit der Masse verbunden sind.
Die unlösliche Verbindung mit der Masse der Arbeiter, das Vermögen, ständig in ihr zu agitieren, an jedem Streik teilzunehmen, auf jede Anforderung der Masse zu reagieren, das ist die Hauptsache für eine kommunistische Partei, besonders in einem solchen Lande wie England, wo bis heute (wie übrigens auch in allen imperialistischen Ländern) an der sozialistischen und überhaupt an der Arbeiterbewegung vorwiegend dünne Oberschichten der Arbeiter, Vertreter der Arbeiteraristokratie, teilgenommen haben, die zum grössten Teil völlig und hoffnungslos durch den Reformismus verdorben und in bürgerlichen und imperialistischen Vorurteilen befangen sind. Ohne Kampf gegen diese Schicht, ohne restlose Zerstörung ihrer Autorität unter den Arbeitern, ohne Überzeugung der Massen von der völligen bürgerlichen Verderbtheit dieser Schicht kann keine Rede sein von einer ernsten kommunistischen Arbeiterbewegung. Das gilt für England wie für Frankreich, für Amerika wie für Deutschland.
Die Arbeiterrevolutionäre, die den Parlamentarismus zum Mittelpunkt ihrer Angriffe machen, haben insoweit völlig recht, als diese Angriffe die prinzipielle Verneinung des bürgerlichen Parlamentarismus und der bürgerlichen Demokratie zum Ausdruck bringen. Die Sowjetmacht, die Sowjetrepublik – das ist das, was die Arbeiterrevolution an die Stelle der bürgerlichen Demokratie gesetzt hat, das ist die Form des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus, die Form der Diktatur des Proletariats. Und die Kritik am Parlamentarismus ist nicht nur berechtigt und notwendig als Motivierung des Übergangs zur Sowjetmacht, sondern auch völlig richtig als Erkenntnis der historischen Bedingtheit und Beschränktheit des Parlamentarismus, seines Zusammenhangs mit dem Kapitalismus, und nur mit dem Kapitalismus, seiner (des Parlamentarismus) Fortschrittlichkeit im Hinblick auf das Mittelalter und seines reaktionären Charakters im Hinblick auf die Sowjetmacht.
Die Kritiker am Parlamentarismus in Europa und Amerika sind jedoch sehr oft, wenn sie zu den Anarchisten oder den Anarchosyndikalisten gehören, im Unrecht, insofern sie jede Teilnahme an den Wahlen und an der parlamentarischen Tätigkeit ablehnen. Hier zeigt sich einfach der Mangel an revolutionärer Erfahrung. Wir Russen haben im 20. Jahrhundert zwei grosse Revolutionen durchgemacht und wissen gut, welche Bedeutung der Parlamentarismus in einer revolutionären Zeit im allgemeinen und unmittelbar während der Revolution im besonderen haben kann und tatsächlich hat. Die bürgerlichen Parlamente müssen beseitigt und durch Sowjetinstitutionen ersetzt werden. Das unterliegt keinem Zweifel. Es unterliegt heute, nach den Erfahrungen Russlands, Ungarns, Deutschlands und anderer Länder, keinem Zweifel, dass das im Laufe der proletarischen Revolution unbedingt geschehen wird. Die Arbeitermassen systematisch darauf vorzubereiten, ihnen die Bedeutung der Sowjetmacht vorher klarzumachen, die Propaganda und Agitation für die Sowjetmacht – das alles ist deshalb die unbedingte Pflicht eines Arbeiters, der ein Revolutionär der Tat sein will. Aber wir Russen haben diese Aufgabe auch durch unser Wirken in der parlamentarischen Arena erfüllt. In der zaristischen, verfälschten Gutsbesitzerduma haben es unsere Vertreter verstanden, revolutionäre und republikanische Propaganda zu treiben. Genauso kann und muss man in den bürgerlichen Parlamenten, von innen her, Sowjetpropaganda treiben.
Vielleicht ist es nicht leicht, das in diesem oder jenem parlamentarischen Lande sofort zu erreichen. Aber das ist eine andere Frage. Durchsetzen muss man, dass sich die revolutionären Arbeiter in allen Ländern diese richtige Taktik zu eigen machen. Und wenn eine Arbeiterpartei wirklich revolutionär ist, wenn sie wirklich eine Arbeiterpartei ist (d. h. mit den Massen, mit der Mehrheit der Werktätigen, mit den unteren Schichten des Proletariats und nicht nur mit seiner Oberschicht verbunden ist), wenn sie wirklich eine Partei ist, d. h. eine fest und beständig zusammengeschlossene Organisation der revolutionären Vorhut, die es versteht, mit allen möglichen Methoden revolutionäre Arbeit unter den Massen zu leisten, dann wird eine solche Partei gewiss verstehen, ihre Parlamentarier in der Hand zu halten, sie zu wirklichen revolutionären Propagandisten zu machen, zu solchen wie Karl Liebknecht, und nicht zu Opportunisten, nicht zu Leuten, die das Proletariat mit bürgerlichen Methoden, bürgerlichen Gewohnheiten, bürgerlichen Ideen und bürgerlicher Prinzipienlosigkeit demoralisieren.
Wenn es nicht gelingen sollte, das in England sofort zu erreichen, wenn sich ferner in England jeder Zusammenschluss der Anhänger der Sowjetmacht als unmöglich erweisen sollte eben wegen der Differenzen in der Frage des Parlamentarismus und nur deswegen, dann würde, ich es für einen nützlichen Schritt vorwärts zur völligen Einheit halten, unverzüglich zwei kommunistische Parteien zu bilden, d. h. zwei Parteien, die für den Übergang vom bürgerlichen Parlamentarismus zur Sowjetmacht sind. Mag die eine dieser Parteien die Teilnahme am bürgerlichen Parlament anerkennen, die andere sie ablehnen; diese Meinungsverschiedenheit ist heute so unwesentlich, dass es am vernünftigsten wäre, sich nicht ihretwegen zu spalten. Aber auch das gleichzeitige Bestehen zweier solcher Parteien wäre ein gewaltiger Fortschritt im Vergleich zur jetzigen Lage, wäre aller Wahrscheinlichkeit nach ein Übergang zur völligen Einheit und zum schnellen Sieg des Kommunismus.
Die Sowjetmacht hat in Russland nicht nur an Hand der praktischen Erfahrung von schon fast zwei Jahren gezeigt, dass die Diktatur des Proletariats sogar in einem Bauernland möglich ist, dass sie fähig ist, sich durch Schaffung einer starken Armee (der beste Beweis für Organisiertheit und Ordnung) unter unglaublich, unerhört schwierigen Bedingungen zu halten.
Die Sowjetmacht hat mehr geleistet: sie hat in der ganzen Welt schon moralisch gesiegt, denn die Arbeitermasse ist, obwohl sie die Wahrheit über die Sowjetmacht nur brockenweise erfährt, obwohl sie Tausende und Millionen von Lügenberichten über die Sowjetmacht hört, schon überall für die Sowjetmacht. Das Proletariat der ganzen Welt begreift schon, dass diese Macht die Macht der Werktätigen ist, dass sie allein die Erlösung vom Kapitalismus, vom Joch des Kapitals, von den Kriegen zwischen den Imperialisten bringt und zu einem dauerhaften Frieden führt.
Eben darum ist es möglich, dass einzelne Sowjetrepubliken im Kampf mit den Imperialisten unterliegen, aber unmöglich ist es, die weltweite Sowjetbewegung des Proletariats zu besiegen.
Mit kommunistischem Gruss
N. Lenin
PS. Folgender Ausschnitt aus russischen Zeitungen gibt Ihnen ein Beispiel unserer Information über England.
London, 25. VIII. (über Beloostrow.)
Der Londoner Korrespondent der Kopenhagener Zeitung »Berlingske Tidende« telegrafiert am 3. August d. J. über die bolschewistische Bewegung in England: »Die Streiks der letzten Tage und die unlängst erfolgten Enthüllungen haben die Überzeugung der Engländer von der Unempfänglichkeit ihres Landes für den Bolschewismus ins Wanken gebracht. Gegenwärtig diskutieren die Zeitungen lebhaft diese Frage, während die Verwaltung alle Anstrengungen macht, um nachzuweisen, dass die Verschwörung’ ziemlich lange Zeit existierte und nicht mehr und nicht weniger als den Sturz der bestehenden Ordnung zum Ziel hatte. Die englische Polizei verhaftete das Revolutionsbüro, das nach den Versicherungen der Zeitungen sowohl über Geld als auch über Waffen verfügte. Die ›Times‹ veröffentlicht den Inhalt einiger bei den Verhafteten gefundenen Dokumente. Sie enthalten ein vollständiges Revolutionsprogramm, demzufolge die ganze Bourgeoisie entwaffnet werden soll; für die Sowjets der Arbeiter- und Rotarmistendeputierten sollen Waffen und Munition beschafft und es soll eine Rote Armee aufgestellt werden; alle Staatsposten sollen mit Arbeitern besetzt werden. Weiter war vorgesehen, ein Revolutionstribunal für politische Verbrecher und Personen zu schaffen, die sich Grausamkeiten gegenüber Gefangenen haben zuschulden kommen lassen. Alle Lebensmittel sollten der Beschlagnahme unterliegen. Das Parlament und andere Organe der öffentlichen Selbstverwaltung sollen aufgelöst und an ihrer Stelle revolutionäre Sowjets eingerichtet werden. Die Arbeitszeit soll auf sechs Stunden beschränkt, der Mindestwochenlohn auf 7 Pfund Sterling erhöht werden. Die Staatsschulden wie auch alle übrigen Schulden sollen annulliert werden. Alle Banken, Industrie- und Handelsunternehmen sowie Transportmittel werden für nationalisiert erklärt.«
Wenn das stimmt, dann muss ich den englischen Imperialisten und Kapitalisten in Gestalt ihres Organs, der reichsten Zeitung der Welt, der »Times«, meine ehrerbietigste Anerkennung und Dankbarkeit für die ausgezeichnete Propaganda zugunsten des Bolschewismus aussprechen. Fahren Sie in diesem Geist fort, meine Herren von der »Times«, Sie werden England vortrefflich zum Siege des Bolschewismus führen!
Notes:
[prev.] [content] [end]
Wir veröffentlichen hier den Briefwechsel zwischen Sylvia Pankhurst und Lenin über die Frage des Parlamentarismus, der 1920 in der von Serrati herausgegebenen Zeitschrift »Comunismo« auf Italienisch erschien und die Grundlage für die berechtigte Kritik an Lenins Position zu diesem Thema bildete, die später in dem Artikel »Lenin und der Parlamentarismus« in der Zeitschrift »Il Soviet« im Juli 1920 veröffentlicht wurde. Dieser Briefwechsel wurde 1919 auch in deutscher Sprache in der Zeitschrift »Die Kommunistische Internationale« unter dem Titel »Der Sozialismus in England (Ein Beitrag zur Frage des Parlamentarismus)« veröffentlicht. In beiden Veröffentlichungen wurde der Name von Sylvia Pankhurst weggelassen. Die Antwort Lenins findet sich in abweichender Übersetzung später auch in dessen Werksausgabe wieder (LW, Bd. 29, S. 553–559. Wir geben hier den Wortlaut von Lenins Antwort aus der Werksausgabe wieder, da die Abweichungen der Übersetzungen lediglich stilistischer Natur sind. (sinistra.net).
